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Überlegungen zur Doku: Unsere Amateure - echt Profis

Aktualisiert: 5. Aug 2020

Nachvollziehbare Problemanalyse - aber was sind die Lösungsansätze?



Sehr viele Verantwortliche in den kleinen Amateurvereinen machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Vereine. Oftmals sind Umfeld, Eltern und Spielern die immer schwieriger werdenden Rahmenbedingungen, mit denen die kleinen Dorf- und Amateurvereine zu kämpfen haben kaum oder gar nicht bewusst. Ein ehrenwertes Anliegen daher, dass sich das ZDF-Team um zoom-Reporter Frank Diederichs auf den Weg gemacht hat, um den Herausforderungen auf den Grund zu gehen.


Als hauptamtlicher Jugendkoordinator in einem Breitensportverein führe ich etliche Gespräche mit befreundeten Trainern, Betreuern und Funktionären und mache mir selbst natürlich auch sehr viele Gedanken zur Zukunft der kleinen Amateurvereine. Die Problemanalyse der Dokumentation kann ich voll und ganz teilen: Es wird künftig einige "Zentren" geben, die oftmals von DFB (über die Stützpunkte) und Profi-Vereinen (über Partnervereins-Kooperationen) auch finanziell unterstützt werden und in denen ambitionierte Kinder- und Jugendspieler hervorragende Rahmenbedingungen vorfinden, um sich sportlich weiterzuentwickeln. Diese Vereine sind zukunftsfähig aufgestellt und dürfen sich über einen immensen Zulauf aus dem Umland freuen.


Auf der anderen Seite sind viele Dorfklubs und Vereine aus dem unteren Amateurbereich in ihrer Existenz bedroht. Auch einer in der Doku gefallenen Aussage würde ich voll und ganz zustimmen: In 10-20 Jahren wird es viele kleinere Klubs nicht mehr geben. Wo heute 3-5 Vereine im Jugendbereich gerade noch so zusammen eine Altersklasse besetzen können, ist es gelinde gesagt sehr optimistisch, anzunehmen, dass diese dauerhaft im Herrenbereich allein weiterbestehen können. Zudem sind immer weniger Personen sind bereit oder aus zeitlichen Gründen in der Lage, ein Ehrenamt (Trainer, Betreuer, Platzwart, Funktionär) zu übernehmen. Die Kinder- und Jugendlichen haben wesentlich mehr alternative Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung als noch vor 20 Jahren. Die Bereitschaft, sich an Termine zu binden sinkt von Jahr zu Jahr und es gelingt immer weniger, bei jungen Menschen einen tieferen Vereinsbezug herzustellen. Studium, Schichtarbeit und Landflucht tun ein übriges.

Die aktuelle Ausgangslage bzw. Zukunftsperspektive der kleinen Klubs sehe ich also ähnlich düster, wie in der Dokumentation veranschaulicht.


Was mir allerdings in der Ausstrahlung fehlt, sind konkretere Lösungsansätze, um die Herausforderung in den kleinen Amateurvereinen tatsächlich irgendwie in den Griff bekommen zu können. Der DFB, die DFL und die Landesverbände werden mehrmals unterschwellig oder direkt kritisiert, weil sie für die Amateurvereine keine finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Ich selbst bin auch kein großer Fan des Profifußballs, fürchte aber, dass dieses Verbands- und Profifußball-Bashing leider nicht die Lösung und eigentlich nicht einmal ein Beitrag dazu sein kann.

Der DFB ist weder juristisch berechtigt, noch finanziell in der Lage für einzelne Vereine einen Kunstrasen- oder Rasenplatz finanzieren (wer würde denn ggf. auswählen, welche Vereine hier zum Zug kommen?), bestimmten Vereinen Zuschüsse erteilen, damit diese in der Regionalliga antreten können (ebenfalls die Frage, welche Vereine dann hier bezuschusst werden sollten und welche nicht) oder allen Vereinen die in der Doku genannten 1.000 Euro auszahlen. Selbst mit zusätzlichen 5.000 Euro im Jahr pro Verein wären die strukturellen Probleme der kleinen Amateurklubs doch nicht gelöst, wenn wir ehrlich sind.


Nach langer Überlegung komme daher zumindest ich zu dem Schluss: Die Verbände werden den kleinen Klubs ehrlicherweise nur sehr bedingt helfen können. Die Vereine sollten dies möglichst schnell akzeptieren, verinnerlichen und versuchen, sich selbst zu neue Lösungskonzepte zu erarbeiten, anders geht es leider nicht.


Beim TSV Seeg-Hopferau-Eisenberg e. V. versuchen wir daher seit knapp zehn Jahren, neue Wege zu gehen. Wir haben eine Vollzeitstelle für den Breitenfußball geschaffen. Ein hauptamtlicher Jugendkoordinator kümmert sich um die Suche, Unterstützung und Zusammenarbeit von weiterhin ehrenamtlich tätigen Trainern, Betreuern und Funktionären, betreut zudem selbst einige Teams federführend und übernimmt auch organisatorisch viele Aufgaben rund um die Fußballabteilung.

Verbunden war dies selbstverständlich auch mit einer Anpassung der Beiträge, Suche nach Sponsoren, Organisation von Veranstaltungen zur Refinanzierung usw. Finanziell erwarten wir keine Hilfe vom DFB oder aus öffentlichen Mitteln, sondern verteilen die Kosten für einen hauptamtlichen Mitarbeiter auf möglichst viele Schultern im eigenen Verein.


Seit nunmehr acht Jahren gibt es diesen hauptamtlichen Mitarbeiter. Als kleiner Verein, bestehend aus drei Dörfern mit insgesamt ca. 8.000 Einwohnern, gelingt es uns mittlerweile, jährlich 17-21 Mannschaften zu stellen (diese Saison soger vier (!) Herrenmannschaften). Finanziell sind wir gesund und können neben der Vollzeitstelle auch die laufenden Ausgaben für Platzpflege, Herrentrainer, Vereinsheiminstandhaltung usw. in ausreichendem Maße tätigen.


Wir haben also versucht, den Hebel umzulegen, aktiv neue Wege zu gehen und uns selbst zu helfen. Auch wenn in unserer Fußball-Abteilung bei weitem nicht alles Perfekt läuft, stehen die Aussichten gut, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten überleben und unseren Kindern, Jugendlichen und Herrenspielern ein lebendiges und zukunftsfähiges Umfeld bieten können.


Dieser, oder andere zukunftsfähige Ansätze kommen mir in der Doku etwas zu kurz. Die Verbände werden den kleinen Vereinen lediglich organisatorisch und in der Trainerausbildung etwas helfen können. Alles darüber Hinausgehende muss aus meiner Sicht aus den Klubs selber kommen, auch wenn dies unbequem, anstrengend und ein langer Weg ist. Ein guter zusätzlicher "Wachrüttler" ist die Doku aber allemal!



Zum Verfasser:

Tobias Scherbaum ist hauptamtlicher Jugendkoordinator in einem Breitensportverein. In seinem Blog stellt er Überlegungen zur Zukunft des Breitenfußballs im unteren Amateurbereich an und gibt Einblicke in seinen Arbeitsalltag. Im vorangestellten Beitrag zeigt er auf, wie es dem TSV Seeg-Hopferau-Eisenberg (TSV SHE) als kleinem Dorfverein gelingt, einen Vollzeitbeschäftigten zu finanzieren.


Weitere und ausführlichere Infos im Buch und Blog:

"Der zufriedene Kindertrainer "

www.der-zufriedene-kindertrainer.de




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